Brakes Bürgermeister Dr. Winters, die Familie Weinberg und Paul Brodek – eine Freundschaft in schwierigen Zeiten (1928-1945)
von Reiner Gollenstede (Heimatbund Brake e.V.)
Die Geschichte der Weimarer Republik war auch in Brake eine Geschichte voller Krisen. Dazwischen, 1926 bis 1931, gab es allerdings auch so etwas wie ein „goldenes Jahrfünft“. Wirtschaftlich dramatisch wurde es aber ab 1931 bis zur Machtübernahme der Nazis.
Die Amtszeit des auf acht Jahre gewählten Stadtoberhauptes Heinrich O. Thyen endete 1927. „Nach fast fünfundzwanzigjähriger Tätigkeit, zunächst fünfzehn Jahre als Mitglied des Stadtmagistrats, dann als Bürgermeister, trat mit Heinrich O. Thyen ein Mann in den Ruhestand, der sich um das Wohl der Stadt verdient gemacht hatte“ (A. Eckhardt, Brake – Geschichte einer Seehafenstadt, S. 279).
Heinrich O. Thyen war am 21. Oktober 1919 vom Magistrat (Paul Brodek, Gustav Müller (beide SPD), Johannes Müller (DVP), Hinrich Wieting (DDP) -Magistrat entspräche nach heutigem Kommunalverfassungsrecht in etwa dem Verwaltungsausschuss- und dem Stadtrat einstimmig gewählt worden. Bei der Stadtratswahl am 6. April im gleichen Jahr entfielen auf die SPD 34,2 % (sechs Sitze), die KPD 17,3 % (drei Sitze), die DDP 32,6 % (sechs Sitze) und die DVP 13 % (drei Sitze). Der Jurist und bisherige Bürgermeister Dr. Ernst Wempe wechselte als hauptamtlicher Stadtrat nach Schwerin und wurde dort 1933 zum Oberbürgermeister gewählt. Noch während Wempes Braker Amtszeit kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde im Landtag von Oldenburg per Gesetz beschlossen, dass sich die Stadt Brake nach Norden um 2,5 qkm mit rund 1400 Einwohnern ausdehnen dürfe. Damit erhielt die Stadt die dringend benötigten Flächen zum Ausbau der Infrastruktur des nördlichen Hafengebietes. Diese Gebietsreform wurde gegen den Willen der damals noch selbstständigen Gemeinde Golzwarden durchgesetzt.
Am 26. Oktober 1927 wurde Dr. Johannes (Hans) Winters (DDP) aus Westerstede mit elf gegen sieben Stimmen zum neuen Bürgermeister gewählt. Die stark vom Hafen geprägte wirtschaftliche Entwicklung Brakes in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise 1929 war sehr ambivalent. Während der Getreideumschlag stark zurückging, verdoppelte sich die Einfuhr von Fetten und Ölen bei der Fettraffinerie von 1930 auf 1932 auf 112.000 to im Jahr. Als Folge der Weltwirtschaftskrise stieg auch in Brake die Arbeitslosigkeit im Winter 1931/32 auf unvorstellbare 41,5 % (29,9 % im ges. Reich). Im März 1933 wurde noch mal der Reichstag gewählt. Es waren für lange Zeit die letzten freien Wahlen. Bei einer Wahlbeteiligung von 90,8 % erzielte die SPD in Brake 41,5 %, die NSDAP 28,5 und ein Zusammenschluss bürgerlicher Parteien 17,5 %. In Hammelwarden und Golzwarden lag die NSDAP allerdings mit 56,6 und 44,2 % vorn. Das für die Nazis unbefriedigende Braker Ergebnis könnte der Grund gewesen sein, das Rathaus mit seinem liberalen Bürgermeister zu schikanieren. So wurde wiederholt in den Tagen nach der Wahl gegen den Willen der Verwaltung und des Magistrats über dem Haupteingang die Hakenkreuzflagge aufgezogen, vom Bürgermeister aber jedes Mal wieder eingezogen, letztendlich wurde auch der Fahnenständer über dem Eingang vorsorglich abgebaut.
Die NSDAP stellte nun der Stadt ein Ultimatum. Der Magistrat entschied trotzdem einstimmig, dass eine Genehmigung zum Aufzug der Hakenkreuzfahne nicht erteilt würde, zumal Bürgermeister Winters sich zusätzlich beim Ministerpräsidenten in Oldenburg rückversichert hatte. Daraufhin wurden hunderte militanter Nationalsozialisten nach Brake gekarrt. SA und SS-Gruppen aus der ganzen Umgebung zogen durch die Breite Straße, legten den Verkehr lahm und zogen unter den Klängen des „Horst-Wessels Liedes“ die Naziflagge vor dem Rathaus auf. Schließlich wurden am 27. März 1933 der standhafte Braker Bürgermeister Dr. Winters und die Ratsherren Heinrich Bade und Heinrich Sagkob durch Anordnung des Oldenburgischen Staatsministeriums von der Ausübung ihrer Ämter ausgeschlossen. Der NSDAP Landtagsabgeordnete Karl Reich aus Strückhausen wurde mit der Ausübung des Amtes des Bürgermeisters betraut.
Winters Enkel, Martinus Schmidt, erinnert in der NWZ vom 3. März 2023 an den Widerstand seines Großvaters: „Für Winters, seine Frau Gretchen und vier Kinder …brachen ab 1933 Jahre Zeiten schwerer Entbehrungen und Schikanen an.“ Distanzierung und Ablehnung sind die Folge. Bislang befreundete Personen wechseln bei Begegnungen auf die andere Straßenseite. Die Familie des Bürgermeisters musste ihre Dienstwohnung in der Querstraße 10 (heute Bgm.-Müller-Str.) verlassen und zog 1934 nach Oldenburg. Winters findet als erklärter Gegner der Nationalsozialisten keine weitere Beschäftigung im öffentlichen Dienst und arbeitet fortan freiberuflich als Jurist, stand aber weiter unter strenger Aufsicht der Gestapo. Seine Frau Gretchen wird nun zur Haupternährerin der Familie. Auf Fürsprache erhält sie eine Stelle als Lehrerin In Metjendorf. Doch sie verweigert den Hitler-Gruß und sagt weiterhin „Guten-Morgen“ zu ihren Schülern. Deshalb wurde sie wieder entlassen und musste nun die Familie mittels Nachhilfestunden über Wasser halten. „Mindestens dreimal in der Woche fuhr sie dann zu jüdischen Familien, um denen Englischunterricht zu geben, weil diese sich mit der Absicht trugen, auszuwandern, solange es noch möglich war.“ (ihre Tochter Dr. Gretel Schmidt in: Bernhold, Setje-Eilers, Ist denn da was gewesen?, S. 129).
In Brake lebten zu dieser Zeit 20 Einwohner mit jüdischem Bekenntnis, darunter sieben Kinder oder Jugendliche (NWZ, 31. Januar 2018). Das recherchierte der Historiker Dr. Werner Meiners im Auftrage der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Ulla Bernhold, die sich intensiv mit der Geschichte der jüdischen Familie Weinberg befasst hat. Alle jüdischen Bürger unserer Stadt wurden nach 1933 diskriminiert, eingekerkert, zur Emigration gezwungen (Weinberg) oder starben an in der Haft erlittenen Misshandlungen (Paul Brodeck). Starken Anfeindungen war auch der Bremerhavener Alfred Hesse ausgesetzt, der das Haus in der Breiten Str. 18 besaß. Die Hitler-Jugend rief erfolgreich zum Boykott der Eisdiele Hesse auf. 1935 wurde das Geschäft von Walter Gries erfolgreich fortgeführt. Weitgehend unbekannt ist das Schicksal von Hedwig Tesch. Sie war zum christlichen Glauben konvertiert und nahm sich 1940 das Leben. Begraben wurde sie auf dem jüdischen Friedhof in Ovelgönne.
Noch schlechter als der Familie Winters erging es der befreundeten Familie von Max Weinberg. Sohn Hans, Arzt in Hamburg, hatte zusammen mit Johannes Winter am Alten Gymnasium in Oldenburg das Abitur gemacht. Schon in seiner Jugend kam Winters regelmäßig nach Brake um die Weinbergs zu besuchen und umgekehrt war Hans Weinberg häufig bei den Eltern von Johannes Winters in Wahnbeck zu Gast, berichtet Winters Tochter Gretel Schmidt (Bernhold, Setje-Eilers, S. 171).
Als die Winters dann 1928 nach seiner Wahl zum Bürgermeister nach Brake zogen, wurde der Kontakt zu Weinbergs noch intensiver. Max Weinberg war zu dem Zeitpunkt ein in Brake höchst angesehener Kaufmann. Der „Weserbote“ vom 2. Dezember 1911 schreibt über die Stadtratswahl vom 30. November 1911: „Max Weinberg hat 234 Stimmen von den beteiligten 490 Wählern erhalten“. In der Liste der Ratsmitglieder der Stadt Brake ist der Name Weinberg allerdings nicht aufgeführt, aber im Staatsarchiv in Oldenburg. Auch das Protokoll vom 13. Dezember 1919 zur Vereidigung des Ratsherrn Thyn zum neuen Bürgermeister im Zentral Hotel (s.o.) verzeichnet Weinberg als Mitglied des Stadtrates. Seit 1913 war der Braker Kaufmann auch Mitglied im Vorstand der neu gegründeten Städtischen Sparkasse. Ulla Bernhold stellt die berechtigte Frage, warum diese Unterlagen bei der Stadt Brake nicht mehr auffindbar sind (NWZ, v. 9. November 2008).
Max Weinberg war früh Witwer geworden. Seine erste Frau Magda (geb. Israel) starb bereits mit 30 Jahren. Dieser Ehe entstammt der mit Winters befreundete Arzt Hans. Seine zweite Frau Clara stirbt ebenfalls sehr früh mit 47 Jahren. Clara ist die Mutter von Berthold, der zusammen mit seinem Vater die Braker Geschäfte führte. Die Pflege der schwerkranken Clara übernimmt Dorothea (Dorchen) Schulz, die ab 1920 auch den Haushalt des Witwers führt. Mit der Zeit wird aus dem reinen Angestelltenverhältnis ein freundschaftliches, das auch die Familie des Sohnes von Max Weinberg, Berthold und Frederike und deren spätere Tochter Clara (Claire) mit einbezieht. „Sie ist nicht wirklich meine Tante, aber es war für uns so, als gehörte sie zu Opas Familie, obwohl sie als Haushälterin von ihm angestellt war … Es war nicht nur eine Freude, Opa zu sehen, sondern auch, dass Tante Dorchen mich freundlich empfing … Ich weiß auch, dass Tante Dorchen und meine Mutter gute Freundinnen waren“ (Bernhold, Setje-Eilers, Frauenlexikon, S. 405). Auch die Tochter von Brakes damaligen Bürgermeister Winters erinnert sich: „Herr Weinberg hatte eine ganz reizende Gesellschafterin, mit der er auch nach Berlin zu Toscanini (einer der größten Dirigenten des frühen 20. Jahrhundert, d. Verf.) oder zu Ausstellung(en) fuhr. Der Bruder (Paul) hatte auf dem Kurfürstendamm ein Bekleidungsgeschäft, aus dem meine Mutter denn ab und an auch Kleider, irgendwas für die Empfänge, also Ballkleider, geschickt kriegte zur Auswahl“ (Bernhold, Setje-Eilers, Ist denn da was gewesen?, S. 183).
Diese herzliche Verbundenheit mag das Motiv dafür gewesen sein, dass seine Hausangestellte Dorchen Schulz, die er aufgrund des „Blutschutzgesetzes“ von 1935 hätte entlassen müssen, immer noch an seiner Seite war. Auch die zunehmenden Schikanen und Boykotte, die schließlich in der Progromnacht vom 9. November 1938 mündeten waren für „Dorchen“ immer noch kein Grund, die Familie im Stich zu lassen.
Sohn Berthold Weinberg (1902 geboren) hatte noch am 21. Mai 1933 die gleichaltrige Frederike Gramms geheiratet. Frederike lebte seit 1928 in Brake und lernte hier wohl auch ihren späteren Mann in einem Chor kennen. Frederike war evangelisch getauft. Beide Eheleute behielten ihre angestammte Religion (Bernhold/SetjeEilers, S. 278). Das war 1933 schon eine gewagte Entscheidung. Sowohl für diese Beziehung als auch für die Weiterbeschäftigung von Dorchen Schulz im Haus von Max Weinberg galt ab 1935 das oben aufgeführte „Blutschutzgesetz). Solche Beziehungen galten als unerwünscht und wurden schließlich 1935 ganz verboten. Die Familie Weinberg betrieb in der Lindenstraße ein bedeutendes Handelsunternehmen, das sowohl als Schiffsausrüster, als auch für Lederwaren und andere Produkte für die Seehafenstadt wichtig war. Max Weinbergs Vater Samuel Moses Weinberg (*17. September 1817 in Wildeshausen, gest. 6. November 1897 in Brake) war um 1863 nach Brake gekommen. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Ovelgönne begraben (Schieckel-Kartei, Staatsarchiv Oldenburg, zitiert bei Bernhold/Seetje-Eilers, S.279). „Mein Vater hatte einen ganz guten Kontakt zu dem Juden Weinberg, weil der ein Ledergeschäft hatte in der Lindenstraße…, weil wir öfter mal ein Kalb oder Rind geschlachtet haben und dann dieses Fell nach Weinberg hingebracht haben – im Tausch gegen Leder. Das Leder haben wir dann von Weinberg geholt“, so berichtet der spätere Ratsherr Ernst Cordes (Schreckenberg, NS-Zeitzeugnisse, S. 71f).
Berthold und Frederike Weinberg führten das von Vater Max übernommene Unternehmen weiter. Auch nach dem Aufruf zum deutschlandweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933 kauften die Braker weiter bei Weinberg in der Lindenstraße. So steht in einem Polizeiprotokoll vom April 1933: „Es hat den Anschein, als wenn von den Linksparteien aus angeordnet ist, jetzt erst recht bei den Juden zu kaufen, denn es hat noch nie ein solcher Verkehr geherrscht, wie heute Vormittag“ (Staatsarchiv Oldenburg, Best. 230-6, Nr. 98 Bl. 152 zit. In Bernhold, U., Frauenlexikon, S. 499): Zitat Strachotta, S. 38 f.).
Eine andere Zeitzeugin gibt bei Schreckenberg zu Protokoll: „Vater kaufte seine Nägel und Schrauben bei dem Juden Weinberg, auch nach dem „KAUFT NICHT BEI JUDEN!“ Appell.
Am 21. Dezember 1934 wird Tochter Clara geboren. Nach und nach wird das Ziel der Nazis, die jüdische Bevölkerung vom öffentlichen Leben auszuschließen, auch in Brake umgesetzt. Am Telegraph prangt das Banner „Die Juden sind unser Unglück“.
Mein eigener Vater, der seit 1936 eine Ausbildung als Rechtsanwalts- und Notargehilfe bei Schwetmann in der Lindenstraße absolvierte, erzählte, dass er Lehrling monatlich bei Weinberg die Miete für eine Garage kassieren musste und von seinem Chef angewiesen wurde, dabei möglichst nicht erkannt zu werden. „Bekannte und Freunde der Weinbergs werden wegen ihrer Besuche in der Kirchen- oder Lindenstraße sanktioniert“, berichtet Dr. Gretel Schmidt: „Als Max Weinberg von meinem Vater (Dr. Hans Winters) erfahren hatte, dass wir Gestapokontrolle hatten, wollte er uns nicht schaden und sagte: Kommt doch bitte nicht mehr.“ Auch die Familie der jungen Weinbergs wird zunehmend isoliert, Clara wächst ohne Spielgefährten auf: „1938 muss das gewesen sein. Da war ich fünf Jahre…wir haben zusammengespielt, aber nur im Dunkeln; …Wir durften mit den Leuten schon gar nicht mehr sprechen. Und aus lauter Angst und Schrecken haben wir das dann so gemacht. Das Kind war ja vollkommen isoliert, das war ja immer alleine“ (Schreckenberg, S.71).
Ausgrenzung bedeutete auch, dass es schwierig wird, die Dinge des täglichen Bedarfs zu beschaffen. Einkaufsmöglichkeiten werden eingeschränkt, Belieferungen und Dienstleistungen werden aufgekündigt, Arbeiten zur Stromversorgung nicht mehr ausgeführt, Backwaren, Butter und andere Lebensmittel werden nicht mehr geliefert oder können nicht mehr gekauft werden, weil man im Laden unerwünscht ist. Schreckenberg hat dazu eine Zeitzeugin befragt und danach wurde „es da nachher ganz schwierig …Also …bin ich jede Woche einmal hingegangen und hab mit ein paar Taschen da eingekauft und hab das denn zur Kirchenstraße zu Weinbergs gebracht und auch zu Brodeks“ (Schreckenberg, S. 83 f.).
1937 müssen Friederike und Berthold ihre Wohnung in der Kirchenstraße 44 verlassen und ziehen vorübergehend zu Max in die Lindenstraße. Schließlich finden sie aber im Haus der ebenfalls verfolgten Familie Brodek in der Kirchenstr. 50 (damals 80) eine neue Wohnung.
1937 verliert die Firma Weinberg ihre Großhandelsgenehmigung, da reift beim Senior der Entschluss, „die heimatliche Scholle zu verlassen“ (Max Weinberg, Mein Leben, S. 41, zitiert bei Bernhold, U., Frauenlexikon, S. 500).
Ernst Cordes berichtet von einer Begegnung seines Vaters mit Weinberg in dieser Zeit: „…mein Vater war mit einer Arbeitskolonne beim Rohre verlegen und wurde von Weinberg erkannt und sie haben miteinander gesprochen: „Ja, Herr Cordes, es sieht nicht gut für uns aus“; sagte Weinberg, ehe der Vorarbeiter das Gespräch verbot. Weinberg trug bereits den gelben Stern (Schreckenberg, S. 72).
„In der letzten Nacht wurden die Schaufensterscheiben des Geschäftshauses von Weinberg zertrümmert, die Juden selbst wurden schon in der vorvorhergehenden Nacht in Schutzhaft genommen“, meldet der „Weserbote“ (zitiert in der KZW v. 5. November 1988). Julius Schreckenberg zitiert eine Zeitzeugin aus der Nachbarschaft: „dass nebenan auf einmal so ein fürchterlicher Krach war“. Männer in braunen Uniformen hätten das Haus gestürmt. „Die haben die Tochter von Weinberg, das kleine Mädchen, aus dem Schlaf gerissen …die wurden daraus geholt“ (NS-Zeit-Zeugnisse aus der Wesermarsch).
Die gesamte Familie Weinberg wird inhaftiert, auch die dreijährige Tochter Clara (Claire) mit ihrer evangelischen Mutter Friederike, und nach Nordenham ins Gefängnis gebracht. Mutter und Tochter und auch Max Weinberg werden jedoch rasch wieder freigelassen, nur Berthold Weinberg wird in das KZ nach Sachsenhausen bei Oranienburg verbracht und kehrt erst im Dezember nach Brake zurück.
Max Weinberg erinnert sich in einem Brief an eine ehemalige Mitarbeiterin: „Wir haben entsetzliche Zeiten durchmachen müssen…musste doch Berthold sechs Wochen ins Konzentrationslager und mich stellte man zwei Monate unter Polizeiaufsicht und ich musste mich jeden Tag auf dem Rathaus melden“ (NWZ, 8. November 2008).
Immerhin können so der Schwiegervater Max und Dorchen Schulz für Friederike eine wichtige Stütze bei der Bewältigung der Aufgaben sein, um nach der Freilassung von Bernhard aus dem KZ die Flucht in die USA vorzubereiten. „Vor dem Hintergrund der Akten und Familienpapiere kann die Vermögenslage der Familie Weinberg weitgehend rekonstruiert werden. Wie schmerzlich die Eingriffe in die zuvor selbstbestimmte Lebens- und Geschäftsführung sind, zeigen die vielen Auflagen und Einschränkungen. Zum Beispiel werden im Juni 1938 auf Grundlage der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens vom 26. April 1938 sämtliche Grundstücke, Hypothekenforderungen, Wertpapiere und weiteren Einnahmen durch die Devisenstelle Weser-Ems aufgelistet und – bis auf die Entnahme eines begrenzten Betrages für monatliche Ausgaben – von der freien Verfügung ausgenommen (NW=Nachlass Weinberg beim Archiv Frauengeschichte LK Wesermarsch, hier NW-L1, -L2). Desgleichen gilt für Berthold Weinbergs Vermögen, den Sohn, für seine Geschäftsanteile an der Firma (NW-L3). Zudem wird die Veräußerung der Immobilien der Weinbergs, die „unter Druck“ erfolgt (NW-M17: Brief von Max Weinberg an Dr. Hans Winter jr. vom 2. Juni 1949), durch das Gesetz über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 erschwert“ (Bernhold, U, Frauenlexikon Wesermarsch, S. 501). Gegenstände aus Gold, Platin oder Silber dürfen nicht mehr erworben oder veräußert werden. Auch die Ausfuhr ist verboten (Gesetz über die Devisenbewirtschaftung v. 12. Dezember 1938. Die Familie Weinberg erhält kurz vor ihrer Ausreise allerdings noch eine Ausnahmegenehmigung und darf Wertsachen innerhalb einer kurzen Frist vom 3. bis 10. Februar 1939 verkaufen. Die Sachverständigen der Devisenstelle streichen auch sämtliche Kleidungsstücke und die Haushalts- und Bettwäsche aus der Verbotsliste zum Umzugsgut. Damit kann die Familie doch noch einen Großteil des Hausrates und vor allem Unterlagen und Fotos zur Familiengeschichte mitnehmen. „Man drückte uns großherzig … zehn Mark in die Hand, womit wir ein neues Leben in einem fremden Land beginnen sollten“ (NW-I /7 zitiert bei Bernhold, U. S. 501f).
Am 15. Februar 1939 entfliehen Max Weinberg mit Sohn Berthold und Schwiegertochter Friederike von Hamburg aus mit der MS PRESIDENT ROOSVELT den Repressionen des Nazi-Regimes. Damit ist eine langjährige erfolgreiche Braker Kaufmannsgeschichte beendet. Die Lindenstraße verliert eine dominante Adresse. Das Haus verkümmert. Rückblickend spricht Max Weinberg von einem „Hinauswurf“ (NW-I 7). Die letzten Tage vor der Abreise verbringt die Familie bei den Brodeks, die nach Bremen verzogen waren und bei Friederikes Eltern in Schenefeld (NW 5, 6 u.9).
Die Familie des ehemaligen Braker Bürgermeisters Dr. Hans Winters bleibt in der gesamten Zeit der Verfolgung der Familie Weinberg eng verbunden, trotz selbst zu erduldender Repressionen. Auch der von den Nazis schwer misshandelte Paul Brodek mit seiner Familie gehört zu den Vertrauten. Dr. Hans Winters kümmert sich als Familienanwalt bis zur Ausreise und auch noch danach um die juristische Vertretung der Familie Weinberg. Gretchen Winters begleitet die Familie persönlich zum Hamburger Hafen und aufs Schiff. Dorothea Schulz, die langjährige Hausdame Max Weinbergs, schlägt das Angebot einer gemeinsamen Emigration aus. Solange wie möglich war sie bei den Weinbergs in Brake geblieben. Nun kehrt sie zu ihrer alten Familie nach Gramzow in Mecklenburg zurück. Max Weinberg bedauert das sehr und wird sich soweit möglich weiter aus der Ferne um sie kümmern.
Das aufgrund der gesetzlichen Restriktionen verbliebene Vermögen der Weinbergs wird über den bevollmächtigten Anwalt der Familie, Dr. Winters, auf Verwandte, z.B. Bertolds Schwiegereltern, und an Dorothea Schulz übertragen. Winters vertritt auch weiterhin die Belange der Familie Weinberg in Deutschland, obgleich seine eigene Familie nun verstärkt von der Gestapo kontrolliert und schikaniert wird (Vgl. Bernhold, Setje-Eilers, S. 172).
Die Weinbergs integrieren sich relativ schnell in den USA, zumal der Sohn aus erster Ehe und Schulfreund Dr. Winters, Dr. Hans Weinberg, schon seit 1935 hier ein neues zu Hause gefunden hatte. Friederike bekommt 1940 ihr zweites Kind, Max schreibt viele Briefe nach Hause und wird zum Chronisten der Familie. Und auch Hans Brodek, der von seinen Eltern 1937 nach dem Erwerb des mittleren Schulabschlusses allein in die USA geschickt wurde, wird wieder Teil des Freundeskreises. Auch die Nachbarn Weinbergs aus der Braker Kirchenstraße, die Mutter von Hans Brodek ist nach dem Tod ihres Mannes mit ihrer Schwester Meta Schäfer und ihrem Sohn in die USA gefolgt, der zunächst zur US Army ging und danach Psychologie studierte. Die Briefkontakte von Max in die alte Heimat sind umfangreich, auch zur ehemaligen Hausdame Dorothea Schulz, die allerdings nun ihren Lebensinhalt verloren hat und nach einer langen depressiven Zeit der Trennung von der Familie Weinberg im Jahr 1946 ihrem Leben selbst ein Ende setzt. Aus dieser Zeit sind 16 Briefe an Max Weinberg überliefert, die nie den Empfänger erreicht haben. Weinberg erfährt erst 1946 davon. Der Brief- und Nachrichtenverkehr mit dem feindlichen Ausland war während des Krieges nicht erlaubt. Hier schlummert sicherlich ein noch nicht gehobener Schatz (NW-D 13, 10, 6, 7, 17, 19).
Der Vater Friederike Weinbergs, Ernst Gramma, stirbt am 11. April 1949 im Braker Kreiskrankenhaus. Der Witwer war nach dem Tod seiner Frau 1946 nach Brake gezogen. Vermutlich hatte die Familie aus den USA dafür gesorgt, dass er hier aufgrund alter Kontakte eine gute Versorgung erhielt. Die Traueranzeige verzeichnet neben der Familie Weinberg auch die Geschwister Janssen aus Brake (WESERKURIER 14. April 1949). Weder an der Beerdigung ihrer Mutter 1946 noch die ihres Vaters konnte Friederike teilnehmen. Sie selbst stirbt am 26. Juli 1962 kurz vor ihrem 60. Geburtstag in Walton/New York (USA). Max Weinberg stirbt am 2. Januar 1951 ebenfalls in Walton, Berthold am 12. April 1995 in Sarasota/Florida.
Das Ehepaar Winters kehrt 1945 in die Wesermarsch zurück. Dr. Winters wird von den Alliierten als Bürgermeister in Nordenham eingesetzt und danach zum Stadtdirektor ernannt. 1947 wählt der Kreistag des Ammerlandes ihn zum Oberkreisdirektor. Doch er stirbt bereits 1948.
Grete Winters schreibt an Max Weinberg nach Chicago: „Der Schicksalsschlag war zu hart und plötzlich und ich bin ein völlig verzagter Mensch geworden. Daran ändern nicht mal meine vier lieben Kinder etwas. Es war alles so schön bei uns nach den zwölf langen schweren Jahren in Oldenburg und der unruhigen Zeit nach dem Zusammenbruch in Nordenham“ (NW-M 18).
Erst nach einem langwierigen Rechtsstreit wurden die Jahre der Amtsenthebung ihres Mannes für die Jahre 1933-45 auf ihre Witwenrente angerechnet.
Quellen:
Gerd Strachotta, Juden in der Wesermarsch 1933-1945, Oldenburg 1997
Bernhold, Ursula, Setje-Eilers, Almut, Ist denn da was gewesen? Frauen in der Wesermarsch im Nationalsozialismus, Oldenburg 1996
Bernhold, Ursula, Setje-Eilers, Almut, Frauenlexikon Wesermarsch, Oldenburg 2023
Schreckenberg, Julius, NS-Zeitzeugnisse aus der Wesermarsch 1-5, Brake 1991
Recherchen: Fotos Klaus Kirsch und Reiner Gollenstede, diverse Presseartikel, Staatsarchiv Oldenburg
