Biografie Gerhard Bolte

Kapitän Gerhard Bolte (1862-1964)

SMU F2015-0072 – Portrait Gerhard Bolte, Ende 19. Jh.

Gerhard Bolte wächst als drittes Kind des Reeders und Kapitäns Gerd Bolte in der Weserstraße in Elsfleth in einem der Familie gehörenden Kapitänshaus auf. Im Alter von 15 Jahren geht er 1877 als Matrose an Bord der väterlichen Bark CASILDA um das Handwerk auf Segelschiffen zu erlernen und sich seinen Unterhalt selbstständig zu verdienen. Nach dem erfolgreichen Besuch der inzwischen staatlichen Seefahrtschule in Elsfleth legt er die Steuermannsprüfung ab und tritt im Anschluß danach für ein Jahr in den Dienst der Kaiserlichen Marine ein. Nach weiteren Jahren der Tätigkeit als Steuermann auf Schiffen macht er 1987 schließlich sein Kapitänspatent und tritt auf Anraten seines Vaters als 4. Offizier in den Dienst des Norddeutschen Lloyd ein. Gerhard Bolte wird innerhalb weniger Jahre zu einem der erfolgreichsten und bekanntesten Kapitäne des Norddeutschen Lloyd und dies schon, bevor er 1902 sein erstes Kommando bekommt. 1897 ist er als 1. Offizier auf der KAISER WILHELM DER GOSSE maßgeblich am Gewinn des „Blauen Bandes“ für die schnellste Atlantiküberquerung eines Passagierschiffes beteiligt. Am 30. Juni 1900 trägt er zur Rettung des im Hafen von New York liegenden Schiffes bei der großen Brandkatastrophe von Hoboken bei. Als verantwortlicher Kapitän führt er auf allen Weltmeeren große Dampfschiffe, darunter die GNEISENAU und die SIERRA VENTANA, die als Lazarettschiff im ersten Weltkrieg dient. 1927 pensioniert engagiert er sich ab 1928 in seiner Heimatstadt Elsfleth für die Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP) politisch. Nach 1945 setzt er sich intensiv mit der Schuldfrage, den Nachkriegsprozeßen und den in Elsfleth ankommenden Flüchtlingen auseinander. Als Teilnehmer der Bremer Schaffermahlzeit und Ehrenbürger von Elsfleth lernt Gerhard Bolte in den 1950er Jahren die Bundespräsidenten Heinrich Lübke und Theodor Heuss sowie Bundeskanzler Konrad Adenauer kennen. Mit 101 Jahren stirbt Gerhard Bolte 1964 in Minden.

Biografie (2:48)

„Ich bin mit 15 Jahren 1877 zur See gegangen auf ein Segelschiff und habe von da ab für meinen Lebensunterhalt selbst gesorgt; habe mit 20 Jahren die Steuermannsprüfung bestanden, 1 Jahr in der Kaiserlichen Marine gedient und dann wieder bis Herbst 1886 als Steuermann auf Segelschiffen gefahren; habe im Frühjahr 1887 mein Kapitänspatent auf großer Fahrt erworben und bin dann im Mai desselben Jahres als 4. Offizier beim Norddeutschen Lloyd eingetreten. Zuschüsse von zu Hause oder anderweitig habe ich nicht gehabt nur während des Besuchs der Seefahrtschule 1 x 7 Monate und 1 x 5 Monate habe ich im Elternhause freie Station gehabt. Am 2. August 1893, also 31jährig, habe ich als II Offizier geheiratet und sind mir in unserer Ehe 3 gesunde Söhne geboren. Im Februar 1902 wurde ich Kapitän beim Norddeutscher Lloyd. Den 1. Weltkrieg habe ich vom 4/8 1914 bis 20/12 1918 als Kapitän des Lazarettschiffes „Sierra Ventana“ gedient; dann die abzuliefernden U-Boote nach England begleitet bis Dezember. Und darauf die gefangenen Franzosen von Kopenhagen nach Brest und Cherbourg gebracht, wo der Franzose nach beendetem Transport das Schiff beschlagnahmte und mich mit der Besatzung im Frühjahr 1919 nach „Holtenau“ bei Kiel mit einem Torpedoboot gebracht hat. Daraufhin wurde mir vom Norddeutschen Lloyd das Kommando von der „Hannover“ übertragen, und habe damit 3.000 Deutsche und Balten-Deutsche von Riga nach Lübeck gebracht, bis Juli 1919; als das Schiff nach England abgeliefert werden musste. Da sämtliche Schiffe der Reederei abgeliefert waren, mussten notgedrungen die gesamten Schiffsbesatzungen entlassen werden Ende des Jahres. Ich habe dann die in den Baltikum-Kriege gefangenen Bolschewisten nach Narwa und Petersburg gebracht auf der Herbert Horn als Transportführer bis September 1921. Am 1. Oktober 1921 wurde ich wieder beim Lloyd als Kapitän angestellt, da derselbe 6 Schiffe zurückgekauft hatte. Ich habe dann noch bis April 1927 beim Norddeutschen Lloyd gefahren und bin, da ich die Altersgrenze von 65 Jahren erreicht hatte pensioniert worden […].“

Biografie (2:48)

„Ich bin mit 15 Jahren 1877 zur See gegangen auf ein Segelschiff und habe von da ab für meinen Lebensunterhalt selbst gesorgt; habe mit 20 Jahren die Steuermannsprüfung bestanden, 1 Jahr in der Kaiserlichen Marine gedient und dann wieder bis Herbst 1886 als Steuermann auf Segelschiffen gefahren; habe im Frühjahr 1887 mein Kapitänspatent auf großer Fahrt erworben und bin dann im Mai desselben Jahres als 4. Offizier beim Norddeutschen Lloyd eingetreten. Zuschüsse von zu Hause oder anderweitig habe ich nicht gehabt nur während des Besuchs der Seefahrtschule 1 x 7 Monate und 1 x 5 Monate habe ich im Elternhause freie Station gehabt. Am 2. August 1893, also 31jährig, habe ich als II Offizier geheiratet und sind mir in unserer Ehe 3 gesunde Söhne geboren. Im Februar 1902 wurde ich Kapitän beim Norddeutscher Lloyd. Den 1. Weltkrieg habe ich vom 4/8 1914 bis 20/12 1918 als Kapitän des Lazarettschiffes „Sierra Ventana“ gedient; dann die abzuliefernden U-Boote nach England begleitet bis Dezember. Und darauf die gefangenen Franzosen von Kopenhagen nach Brest und Cherbourg gebracht, wo der Franzose nach beendetem Transport das Schiff beschlagnahmte und mich mit der Besatzung im Frühjahr 1919 nach „Holtenau“ bei Kiel mit einem Torpedoboot gebracht hat. Daraufhin wurde mir vom Norddeutschen Lloyd das Kommando von der „Hannover“ übertragen, und habe damit 3.000 Deutsche und Balten-Deutsche von Riga nach Lübeck gebracht, bis Juli 1919; als das Schiff nach England abgeliefert werden musste. Da sämtliche Schiffe der Reederei abgeliefert waren, mussten notgedrungen die gesamten Schiffsbesatzungen entlassen werden Ende des Jahres. Ich habe dann die in den Baltikum-Kriege gefangenen Bolschewisten nach Narwa und Petersburg gebracht auf der Herbert Horn als Transportführer bis September 1921. Am 1. Oktober 1921 wurde ich wieder beim Lloyd als Kapitän angestellt, da derselbe 6 Schiffe zurückgekauft hatte. Ich habe dann noch bis April 1927 beim Norddeutschen Lloyd gefahren und bin, da ich die Altersgrenze von 65 Jahren erreicht hatte pensioniert worden […].“

Haus der Familie Bolte in Elsfleth

SMU – Weserstraße 13 in Elsfleth, Postkarte um 1910

Das Haus von Gerhard Bolte

Kapitänspatent

SMU 13-0135 – Zeugnis „Schiffer auf großer Fahrt“, 4. März 1887

Norddeutscher Lloyd Bremen

Der Norddeutsche Lloyd wird 1856 in Bremen gegründet. Von Anfang an spezialisiert sich die Firma auf die Vermarktung regelmäßiger Dampfschiffverbindungen mit europäischen und transatlantischen Ländern. Auf der Weser und ihren Nebenflüssen betreibt die Firma darüber hinaus die Schleppschiffahrt. Das Überseegeschäft insbesondere nach Nordamerika wird in den Folgejahren – auch aufgrund vieler Auswanderer – immer bedeutender. Eigene Pieranlagen in Bremerhaven und Hoboken in New York sorgen an Abfahrts- und Ankunftspunkt für die optimale Abwicklung des Schiffsverkehrs. Schnelldampfer und Doppelschraubendampfern werden bei ihrer Ankunft von vielen Zuschauern bestaunt. Mit Beginn des ersten Weltkrieges kommt der Überseeverkehr jedoch zum Erliegen. 1917 kommt es nach dem Kriegseintritt der USA sogar zur Beschlagnahme der in Hoboken liegenden Schiffe des Norddeutschen Lloyd. Als der Norddeutsche Lloyd infolge des Versailler Vertrages zwei Jahre später auch seine Großschiffe abgeben muss, verliert ihr langjähriger Kapitän Gerhard Bolte für kurze Zeit seine Arbeit. Nach der Wiederaufnahme des Linienverkehrs Anfang der 1920er Jahre wird Gerhard Bolte erneut eingestellt und fährt bis zu seiner Pensionierung 1927 ununterbrochen als Kapitän auf den großen Schiffen des Norddeutschen Lloyd.

Aus dem Betriebe des Norddeutschen Lloyd Bremen; H.M. Hauschild Verlag, Ohne Jahr (um 1912)

Das blaue Band der Atlantiküberquerung

Von 1838 an wird die Auszeichnung „Blaues Band“ für die schnellste Überquerung des Atlantiks durch ein Passagierschiff verliehen. Im November 1897 gewinnt mit der gerade erst vom Stapel gelaufenen „Kaiser-Wilhelm der Große“ des Norddeutschen Lloyd erstmals ein deutsches Passagierschiff die prestigeträchtige Auszeichnung. Für die Rekordfahrt von Southampton nach New York benötigt der Passagierdampfer 5 Tagen und 17 Stunden. Als das Schiff die amerikanische Metropole erreicht, ist es eine solch große Sensation, dass es bei den bisher ausschließlich britischen Preisträgern zu verstärkten Bemühungen kommt, diese Niederlage möglichst schnell wieder auszugleichen. Im April 1898 erringt die „Kaiser Wilhelm der Große“ dennoch die Auszeichnung für die schnellste Fahrt Westwärts sowie in den Folgejahren zwei weitere Siege für die Strecke von Europa nach Amerika. Als verantwortlicher Offizier ist bei den erfolgreichen Rekordfahrten jeweils der Elsflether Kapitän Gerhard Bolte an Bord dabei.

Die KAISER WILHELM DER GROSSE

Die KAISER WILHELM DER GROSSE war ein 1897 gebauter Doppelschrauben-Schnelldampfer mit 4 Schornsteinen der Bremen Reederei Norddeutscher Lloyd. Er erreichte auf seiner Jungfernfahrt, ausgestattet mit 28.000 PS, eine maximale Geschwindigkeit von 22,35 Knoten. Bis 1914 bleibt das Schiff im Liniendienst und bewältigt mehr als 100. Schiffsreisen. Nach einem Umbau dient die KAISER WILHELM DER GROSSE für wenige Monate im ersten Weltkrieg als Hilfskreuzer der Marine. Vor der afrikanischen Küste wird das Schiff schließlich bei einem Gefecht mit britischen Einheiten – dem Kreuzer HMS Highflyer – bei Rio de Oro Die (Spanisch-Sahara, Nordwestafrika) von der eigenen Besatzung versenkt.

Der Norddeutsche Lloyd war mit Schiffen wie „Kaiser-Wilhelm der Große“ auf Passagierfahrten zwischen Europa nach Übersee spezialisiert und transportierte in großer Zahl Auswanderer. Die KAISER WILHELM DER GROSSE war das erste von vier Schiffen der sogenannten „Kaiserklasse“. Die weiteren Passagierdampfer auf der Strecke waren KRONPRINZ WILHELM (1901), KAISER WILHELM II (1902) und KRONPRINZESSIN CECILLIE (1907). Luxusausstattung in der 1. und 2. Klasse. Passagiere der 3. Klasse – meist Auswanderer – mussten ins Zwischendeck.

„Für die Geschwindigkeit der Schnelldampfer waren lediglich die Bedürfnisse des praktischen Dienstes maßgebend, die es geboten erscheinen ließen, daß die Schiffe so frühzeitig den Bestimmungshafen erreichten, um ihre Passagiere bei Tageszeit landen zu können. Um dies auf den Reisen von Europa nach New York auch in der Zeit der sogenannten langen Tracks zu ermöglichen, war bei siebentägiger Fahrzeit eine Geschwindigkeit von 21 Meilen Vorbedingung. Tatsächlich

leistete der Dampfer »Kaiser Wilhelm der Große“ von Anfang an wesentlich mehr, so daß er auch auf den Reisen von New York nach Europa seine Passagiere bei Tageszeit zum Bestimmungsplatze brachte. […] Der Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große“ lief am 4. Mai 1897 in Gegenwart des Kaisers, vieler Mitglieder des Reichstags usw. und etwa 30.000 Personen vom Stapel. Die Taufrede wurde von Frau Plate, der Gemahlin des Vorsitzenden des Aufsichtsrats vom Norddeutschen Lloyd, gehalten. In der von Arthur Fitger gedichteten Taufrede wurde vor allem Kaiser Wilhelms des Großen gedacht, dessen Namen das ablaufende Schiff tragen sollte. Am 26. September desselben Jahres traf der Dampfer zum ersten Male in New York ein. Das Schiff wurde am Dock in Hoboken von einer großen Menschenmenge begrüßt und an einem Tage von 40.000 Personen besichtigt.

Der Dampfer »Kaiser Wilhelm der Große* ist 198 m über Deck lang, er besitzt eine Breite von 20 m

und vom Hauptdeck bis zum Kiel eine Tiefe von 13 m. Sein Inhalt beläuft sich auf 14.349 Br.-Reg.- Tonnen, die Wasserverdrängung stellt sich auf 20.000 Tonnen, die gewaltigen Maschinenanlagen indizieren 28.000 Pferdekräfte und verleihendem Schiffe eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 22 bis 23 Seemeilen in der Stunde.“

Aus dem Betriebe des Norddeutschen Lloyd Bremen; H.M. Hauschild Verlag; Ohne Jahr (um 1912), S.62f.

„Für die Geschwindigkeit der Schnelldampfer waren lediglich die Bedürfnisse des praktischen Dienstes maßgebend, die es geboten erscheinen ließen, daß die Schiffe so frühzeitig den Bestimmungshafen erreichten, um ihre Passagiere bei Tageszeit landen zu können. Um dies auf den Reisen von Europa nach New York auch in der Zeit der sogenannten langen Tracks zu ermöglichen, war bei siebentägiger Fahrzeit eine Geschwindigkeit von 21 Meilen Vorbedingung. Tatsächlich

leistete der Dampfer »Kaiser Wilhelm der Große“ von Anfang an wesentlich mehr, so daß er auch auf den Reisen von New York nach Europa seine Passagiere bei Tageszeit zum Bestimmungsplatze brachte. […] Der Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große“ lief am 4. Mai 1897 in Gegenwart des Kaisers, vieler Mitglieder des Reichstags usw. und etwa 30.000 Personen vom Stapel. Die Taufrede wurde von Frau Plate, der Gemahlin des Vorsitzenden des Aufsichtsrats vom Norddeutschen Lloyd, gehalten. In der von Arthur Fitger gedichteten Taufrede wurde vor allem Kaiser Wilhelms des Großen gedacht, dessen Namen das ablaufende Schiff tragen sollte. Am 26. September desselben Jahres traf der Dampfer zum ersten Male in New York ein. Das Schiff wurde am Dock in Hoboken von einer großen Menschenmenge begrüßt und an einem Tage von 40.000 Personen besichtigt.

Der Dampfer »Kaiser Wilhelm der Große* ist 198 m über Deck lang, er besitzt eine Breite von 20 m

und vom Hauptdeck bis zum Kiel eine Tiefe von 13 m. Sein Inhalt beläuft sich auf 14.349 Br.-Reg.- Tonnen, die Wasserverdrängung stellt sich auf 20.000 Tonnen, die gewaltigen Maschinenanlagen indizieren 28.000 Pferdekräfte und verleihendem Schiffe eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 22 bis 23 Seemeilen in der Stunde.“

Aus dem Betriebe des Norddeutschen Lloyd Bremen; H.M. Hauschild Verlag; Ohne Jahr (um 1912), S.62f.

Wikipedia – Passagierdampfer SS KAISER WILHELM II der Norddeutschen Lloyd-Linie in den 1890er Jahren in den Vereinigten Staaten. Er wurde 1889 in Dienst gestellt, 1900 in SS HOHENZOLLERN (II) umbenannt und sank 1908 vor Sardinien, Italien.

SMU F2015-0167 – Kapitän Gerhard Bolte (2.v.l.) an Bord des Lloyd-Dampfers KAISER WILHELM II, Ende 19. Jh.

Pier-Brand in Hoboken, New York 1900

Am späten Samstagnachmittag des 30. Juni 1900 ereignete sich im Hafen von Hoboken, New Jersey, direkt gegenüber der Skyline von Manhattan, eine der verheerendsten Brandkatastrophen in der Geschichte des New Yorker Hafens. Ein Großfeuer, das vermutlich durch entzündete Baumwollballen auf den Piers des Norddeutschen Lloyd entstand, vernichtete innerhalb kürzester Zeit, angeheizt durch Öl, Whisky und Terpentin, die Hafenanlagen und mehrere am Pier liegende Passagierschiffe. Viele Menschen auf den Schiffen und am Pier starben. Der Hoboken-Pier war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Anlaufpunkte für die Linienschiffe des Norddeutschen Lloyd und voll besetzt. Viele Passagiere an Bord der Schiffe waren Einwanderer. Am Tag des Brandes lagen die MAIN, KAISER WILHELM DER GROSSE, BREMEN und SAALE am Pier. Da die Mannschaften zu großen Teilen auf Landgang waren, standen wenig Seeleute zur Bekämpfung des Brandes zur Verfügung. Die Schiffe konnten, da sie nicht unter Dampf standen außerdem nur mit Schleppern aus der Gefahrenzone bewegt werden. Lediglich der KAISER WILHELM DER GROSSE gelang es durch ein geschicktes Manöver, unter maßgeblicher Beteiligung von Gerhard Bolte, sich aus dem Feuer zu retten.

Die mehr als 300 Brandopfer wurden auf dem Flower Hill Friedhof bestattet. Der Norddeutsche Lloyd errichtete auf dem Friedhof in Erinnerung an die Opfer, zu denen viele Angestellte des Unternehmens gehörten, einen Gedenkstein.

„Als Hauptträger der Post zwischen der alten und der neuen Welt nehmen die Lloydampfer im amerikanischen Leben noch eine besondere Stelle ein. Der Ankunft und Abfahrt einen jeden Lloydschiffes pflegen Hunderte und häufig Tausende im Hafen von New York und besonders an den Pieranlagen des Lloyd beizuwohnen. Das erste Erscheinen der großen Schnelldampfer bildete

ein Ereignis, so daß z. B. der „Kaiser Wilhelm der Große‘, „Kronprinz Wilhelm“, „Kaiser Wilhelm II.“ und „Kronprinzessin Cecilie“ bei ihrem ersten Eintreffen in New York an einem einzigen Tage von je mehr als 40.000 Menschen besucht wurden.

Die zu Anfang dieses Jahrhunderts nach einem verheerenden Brande neuerstandenen Landungsanstalten des Norddeutschen Lloyd in Hoboken sind in jeder Beziehung mustergültig. Sie bilden ohne Zweifel heute die besteingerichteten und sichersten Anlagen, die nicht nur in der Stadt New York, sondern in der ganzen Welt gefunden werden können.“

Aus dem Betriebe des Norddeutschen Lloyd Bremen; H.M. Hauschild Verlag; Ohne Jahr (um 1912), S.209

„Als Hauptträger der Post zwischen der alten und der neuen Welt nehmen die Lloydampfer im amerikanischen Leben noch eine besondere Stelle ein. Der Ankunft und Abfahrt einen jeden Lloydschiffes pflegen Hunderte und häufig Tausende im Hafen von New York und besonders an den Pieranlagen des Lloyd beizuwohnen. Das erste Erscheinen der großen Schnelldampfer bildete

ein Ereignis, so daß z. B. der „Kaiser Wilhelm der Große‘, „Kronprinz Wilhelm“, „Kaiser Wilhelm II.“ und „Kronprinzessin Cecilie“ bei ihrem ersten Eintreffen in New York an einem einzigen Tage von je mehr als 40.000 Menschen besucht wurden.

Die zu Anfang dieses Jahrhunderts nach einem verheerenden Brande neuerstandenen Landungsanstalten des Norddeutschen Lloyd in Hoboken sind in jeder Beziehung mustergültig. Sie bilden ohne Zweifel heute die besteingerichteten und sichersten Anlagen, die nicht nur in der Stadt New York, sondern in der ganzen Welt gefunden werden können.“

Aus dem Betriebe des Norddeutschen Lloyd Bremen; H.M. Hauschild Verlag; Ohne Jahr (um 1912), S.209

Neuaufgebauter Pier des Norddeutschen Lloyd in Hoboken, New York. Aus dem Betriebe des Norddeutschen Lloyd Bremen; H.M. Hauschild Verlag; Ohne Jahr (um 1912)

Michael Herrick, 18.04.2022, Flower Hill Cemetery, Hoboken/New Jersey – Gedenkstein Norddeutscher Lloyd an Hoboken Katastrophe, 30. Juni 1900, Pier 3

SMU F2015-0068 – Portrait Kapitän Gerhard Bolte, Ende 19. Jh.

Die GNEISENAU

Mit nur einem Schornstein und zwei Masten ausgestattet lief die 138,35 Meter lange GNEISENAU 1903 als klassisch gebauter Dampfer bei der Stettiner Vulcan-Werft vom Stapel. Auftraggeber für den Bau des Schiffes war der Norddeutsche Lloyd. Mit einer Geschwindigkeit von 14 Knoten macht sich das Schiff am 2. September 1903 unter Führung ihres Kapitäns Gerhard Bolte auf den Weg zu seiner Jungfernfahrt nach Australien. An Bord des gut nachgefragten Dampfschiffes konnten 124 Gäste der ersten, 116 der zweiten und 1862 Passagiere der dritten Klasse Platz finden. Auf den langen Fahrten nach Australien wird der bekannte Kapitän immer wieder von Passagieren der ersten Klasse in seiner weißen Sommeruniform fotografiert. Zwischen 1905 und 1909 verbindet der Passagierdampfer GNEISENAU aber auch zuverlässig die Strecke zwischen der Hansestadt Bremen und der amerikanischen Metropole New York. Mit Beginn des ersten Weltkriegs ist die Zeit der GNEISENAU als Passagierschiff vorbei. Als Blockadeschiff ist sie bis zu ihrer Beschlagnahme im belgischen Antwerpen ohne Kapitän Bolte an Bord im Kriegseinsatz. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges steht die vormalige GNEISENAU als CITTA DI GENOVA bis zu ihrer Außerdienststellung und Verschrottung 1930 in italienischen Diensten.

SMU F2015-0032 – Kapitän Gerhard Bolte an Deck (GNEISENAU), um 1900

SMU F2015-0041 – Gruppenfoto mit Gerhard Bolte und Gesellschaft an Deck der GNEISENAU, Zwischen 1904 und 1914

SMU F2015-0169 – Kapitän Gerhard Bolte, vier Offiziere und zwei Ärzte auf dem Lloyd-Dampfer GNEISENAU, Anfang 20. Jh.

Gerhard Bolte im ersten und zweiten Weltkrieg

Lazarettschiff SIERRA VENTANA

Die 1912 vom Bremer Vulcan für den Norddeutschen Lloyd gebaute SIERRA VENTANA ist erst zwei Jahre im Besitz der Firma, als die deutsche Admiralität das Dampfschiff am 26. August 1914 für Lazarettzwecke requiriert. Sie bleibt bis zum 19. November 1918 im Kriegseinsatz und wird dann im November 1918 an den Norddeutschen Lloyd zurückgegeben. 1919 wird die SIERRA VENTANA in Cherbourg beschlagnahmt und geht in den Besitz des französischen Staates über. Von August 1914 bis Dezember 1918 führt Gerhard Bolte als Kapitän das Lazarettschiff SIERRA VENTANA.

Lazarettschiff SIERRA VENTANA – Verth, Max: „Das Lazarettschiff“, Jena 1920

SMU 13-0135 – Norddeutscher Lloyd an Gerhard Bolte, 5. Februar 1920

Essighaus Bremen

Das 1618 im Stil der Weserrenaissance von der Familie Esich in Auftrag gegebene und erbaute Essighaus in der Bremer Langenstraße. Das Essighaus in der Bremer Innenstadt verfügte über ein bekanntes Restaurant, das „Alt-Bremer Haus“, dass gerne auch von Vertretern des benachbarten Norddeutschen Lloyd in Bremen für Geschäftsessen und Feiern genutzt wurde. 1942 und 1944 wurde das Essighaus schwer von Bomben beschädigt und die oberen Etagen zerstört. Erhaltene Fassadenteile der unteren Etage sind bis heute erhalten.

Das Gruppenbild mit Gerhard Bolte (vierter von links am Tisch sitzend) entsteht am 30. Oktober 1938 im Restaurant „Alt-Bremer Haus“ im „Essighaus“. Aus Anlass des Starts der Ostasienfahrten, die Gerhard Bolte als bekanntester Kapitän des Norddeutschen Lloyd lange Jahre durchgeführt hatte, lädt das Unternehmen den seit 1927 pensionierten Elsflether Kapitän in das Restaurant ein.

SMU F2015-0055 – Essighaus Bremen, Gerhard Bolte vierter von links am Tisch sitzend, 30. Oktober 1938

bpk-Fotoarchiv, Foto: Paul Wolff, Essighaus Bremen 1937

Zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt (23. August 1939), 1946 (0:20)

„Wir wussten schon damals, dass ein Hitler niemals den Frieden halten würde“

Zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt (23. August 1939), 1946 (0:20)

„Wir wussten schon damals, dass ein Hitler niemals den Frieden halten würde“

Zur Kriegsschuld und Auseinandersetzung 1946 mit dem Nationalsozialismus (1:08)

„Wichtig ist, dass wir einerseits die Schuld erkennen, andererseits die Fehler erkannt und nicht vertuscht werden, denn nur was man erkennt, kann man gutmachen, und in der Zukunft vermeiden. […] Das allgemeine Verbrechen hieß: Bruch des Menschenrechts, Verschandelung von Freiheit und Würde des Menschen, der Mensch wurde überwacht, seine Post, seine Gespräche, seine Gedanken. Sein Heim war nicht mehr seine Welt. […] Niemand lebte in der Rechtsordnung, frei von Furcht, in persönlicher Sicherheit. Jeder lebte laut Vorschrift, laut Verbot, laut Anweisung, laut Befehl. […] Sicherheit und Sicherheitsdienste wurden so umfangreich, dass kein Mensch mehr sicher war. Der Mensch hatte zu existieren aufgehört, er bestand nur noch als statistischer Begriff innerhalb willkürlicher Maßnahmen.“

Zur Kriegsschuld und Auseinandersetzung 1946 mit dem Nationalsozialismus (1:08)

„Wichtig ist, dass wir einerseits die Schuld erkennen, andererseits die Fehler erkannt und nicht vertuscht werden, denn nur was man erkennt, kann man gutmachen, und in der Zukunft vermeiden. […] Das allgemeine Verbrechen hieß: Bruch des Menschenrechts, Verschandelung von Freiheit und Würde des Menschen, der Mensch wurde überwacht, seine Post, seine Gespräche, seine Gedanken. Sein Heim war nicht mehr seine Welt. […] Niemand lebte in der Rechtsordnung, frei von Furcht, in persönlicher Sicherheit. Jeder lebte laut Vorschrift, laut Verbot, laut Anweisung, laut Befehl. […] Sicherheit und Sicherheitsdienste wurden so umfangreich, dass kein Mensch mehr sicher war. Der Mensch hatte zu existieren aufgehört, er bestand nur noch als statistischer Begriff innerhalb willkürlicher Maßnahmen.“

Zu den Nürnberger Prozessen 1946 (0:43)

„Nach den Zeitungsmeldungen machen die Angeklagten doch einen recht traurigen Eindruck. Jeder gesteht, dass er ein Werkzeug von Hitler gewesen ist. […] Und von solchen Kreaturen [Keitel, Rippentrop, Göring] haben wir uns 12 Jahre lang be[geiste]rn lassen. Ich bedauere jetzt doch, dass Hitler, Himmler, Goebbels u. Ley Selbstmord verübt haben, da man gespannt sein muss, wie sich diese herauszulügen versucht hätten.“

Zu den Nürnberger Prozessen 1946 (0:43)

„Nach den Zeitungsmeldungen machen die Angeklagten doch einen recht traurigen Eindruck. Jeder gesteht, dass er ein Werkzeug von Hitler gewesen ist. […] Und von solchen Kreaturen [Keitel, Rippentrop, Göring] haben wir uns 12 Jahre lang be[geiste]rn lassen. Ich bedauere jetzt doch, dass Hitler, Himmler, Goebbels u. Ley Selbstmord verübt haben, da man gespannt sein muss, wie sich diese herauszulügen versucht hätten.“

Flüchtlinge in Elsfleth

Nach Ende des zweiten Weltkrieges kommen in Elsfleth und der Wesermarsch mehrere tausend Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemals deutschen Gebieten im heutigen Polen an. Die Unterbringung der meist katholischen Familien aus dem vormals deutschen Schlesien, Pommern und Memelland stellt für die damaligen Gemeinde- und Stadtverwaltungen eine enorme Herausforderung dar. Vor allem in der ersten Phase nach ihrer Ankunft werden die Flüchtlinge in private Unterkünfte „einquartiert“ oder in bereits vor 1945 erbaute bestehende Baracken eingewiesen. Ein Teil der Baracken dient bis Kriegsende der Unterbringung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen.

1946 beschreibt der zu diesem Zeitpunkt bereits über 86jährige Gerhard Bolte, der ein eigenes Haus in der Weserstraße 13 in Elsfleth bewohnt, in seinem Tagebuch, wie er die Ankunft der Flüchtlinge in seinem Haus und in der Gemeinde selbst erlebt hat.

Mit dem Bau von „Schlichthäusern“ in der Watkenstraße bei Neuenfelde und in Neuenfelde selbst versucht die Stadtverwaltung Elsfleth in der Folgezeit die Unterbringung der Flüchtlinge neu zu organisieren. Der in Elsfleth in den frühen Nachkriegsjahren weiterbestehende große Mangel an Wohnraum führt dazu, dass aus der zunächst provisorischen Unterbringung in einfachsten Verhältnissen eine Dauerunterbringung bis in die 1960er Jahre wurde. 2023 werden die Unterkünfte in der Watkenstraße abgerissen.

Nordwestzeitung (NWZ), Foto: Ulrich Schlüter, 23. Januar 2023

Flüchtlinge, März/April 1946 (0:45)

Es sollen noch 500 Flüchtlinge aus Polen kommen. […] Es sind weitere 250 Flüchtlinge zugezogen. Es meldete sich eine 5-köpfige Familie aus Neuenfelde, um das leere Zimmer (mein Wohnzimmer, welches bei der Reinigung ausgeräumt war) zu beziehen. Sie waren vernünftig genug einzusehen, dass dies für sie nicht genügte. Damit hätte ich dann 9 Flüchtlinge im Hause gehabt. Wie stellt sich das Wohnungsamt dies nun vor???“

Flüchtlinge, März/April 1946 (0:45)

Es sollen noch 500 Flüchtlinge aus Polen kommen. […] Es sind weitere 250 Flüchtlinge zugezogen. Es meldete sich eine 5-köpfige Familie aus Neuenfelde, um das leere Zimmer (mein Wohnzimmer, welches bei der Reinigung ausgeräumt war) zu beziehen. Sie waren vernünftig genug einzusehen, dass dies für sie nicht genügte. Damit hätte ich dann 9 Flüchtlinge im Hause gehabt. Wie stellt sich das Wohnungsamt dies nun vor???“

100. Geburtstag der Stadt Elsfleth

Am 1. Mai 1856 gegründet feiert Elsfleth 1956 mit einer Bootsparade die Verleihung der Stadtrechte vor 100 Jahren. Anläßlich des runden Stadtgeburtstags passieren Segel- und Motorboote mit Gästen auf der Hunte die Elsflether Kaje. Auf dem Schlepper „Bremen“ sind Gerhard Bolte und seine Enkeltochter Christa Bolte, spätere Paulus (stehend, rechts im Bild), an Bord des Schleppers mit dabei.

SMU F2015-0033 – Schlepper BREMEN, 100. Jahrfeier Elsfleth, 1956

Schaffermahlzeit

Die Bremer „Schaffermahlzeit“, erstmals 1545 ausgerichtet, ist das älteste „Brudermahl“ der Welt und dient von Anfang an der Sammlung von Geldern für karitative Zwecke. Auf der traditionsreichen vom „Haus Seefahrt“ ausgerichteten Veranstaltung treffen Kapitäne und Kaufleute bei einem mehrgängigen Essen auf geladene Ehrengäste. Ihre Spenden und Beiträge für die Veranstaltung dienen der Unterstützung in Not geratener Seeleute und ihrer Familien. An der Schaffermahlzeit in der historischen oberen Rathaushalle des Bremer Rathauses nehmen in jedem Jahr 100 seemännisch Schaffende, 100 kaufmännisch Schaffende sowie 100 geladene Gäste teil.

Gerhard Bolte nimmt 1902 als geladener Gast erstmals an der Bremer Schaffermahlzeit teil. In den Nachkriegsjahren nimmt er als Kapitänschaffer mehrfach am Schaffermahl teil und trifft unter anderem auf die Bundespräsidenten Heinrich Lübke und Theodor Heuss sowie 1954 auf Bundeskanzler Konrad Adenauer. Beide Bundespräsidenten und Bundeskanzler Konrad Adenenauer gratulieren Gerhard Bolte 1962 zum 100. Geburtstag.

SMU F2015/0163 – Bundeskanzler Konrad Adenauer und Kapitän Gerhard Bolte , 12. Februar 1954

Korrespondenz an Gerhard Bolte, 1962

100. Geburtstag (6. Juni 1962)

SMU F2015/0025 – 100. Geburtstag von Gerhard Bolte mit Ehrung, 6. Juni 1962

SMU 13-0135 – Ehrenbürgerbrief Gerhard Bolte, 6. Juni 1962

Norddeutscher Lloyd: Gedenken an Ihren Kapitän

Nur wenige Tage nach dem Tod Gerhard Boltes würdigt der Norddeutsche Lloyd Bremen im März 1964 in einem zwei Seiten langen ehrenden Kondolenzschrieben an dessen Sohn Fritz die Tätigkeit des bereits 1927 pensionierten Kapitäns für das Unternehmen. Gerhard Bolte stirbt im Alter von 101 Jahren am 12. März 1964 im Haus seines Sohnes in Minden.

SMU 13-0135 – Norddeutscher Lloyd Kondolenzschreiben an Dr. Friedrich Bolte (Sohn) zum Tod seines Vaters Gerhard Bolte, 16. März 1964

Nachlass Bolte

Konzeption/Text: Silke Struck, Berlin
Sprecher Audiotexte: Thorsten Merten, Berlin