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„Den 3. Jun reisete ich aus Riga ab und den 5. ging ich in See, um ich weiß nicht wohin? zu gehen.“ Eine Flucht aus der Welt von städtischem Patriziat und nobler Kaufmannschaft, den fruchtlosen Lektürebemühungen um die rechte Erkenntnis der Welt und seinen Predigten unorthodoxer Theologie, die nicht überall in der Stadt gut ankamen – so besteigt der 25jährige Johann Gottfried Herder (1744-1803), Lehrer an der Domschule und Pastor in Riga, nach bewilligtem Entlassungsgesuch in jenem Juni 1769 gemeinsam mit seinem Freund Gustav Berens ein niederländisches Segelschiff mit Kurs Loire-Mündung, um sich seiner gelehrten bürgerlichen Existenz zu entledigen und in dem Verlangen, nunmehr und versuchsweise zunächst in Nantes, das ‚wahre Leben‘ zu finden.

Er findet es jedoch schneller als gedacht. Denn schon an Bord des Schiffes hat er, wie er es im ‚Journal meiner Reise im Jahr 1769‘ niederschreibt, sein ‚Erweckungserlebnis‘: „Was gibt ein Schiff, daß zwischen Himmel und Meer schwebt, nicht für weite Sphäre zu denken! Alles gibt hier den Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis!“

Ein derartiges Bild des Meeres hingegen war rundweg neu. Schon seit der Antike stand dies geheimnisvolle Element, das die Grenze des von Menschen bewohnbaren Raumes bildet, doch in denkbar schlechtem Ruf – als Reich des Bösen, der Willkür der Gewalten, von Schiffbruch, Untergang und Tod, das „schreckliche Meer“ des Kirchenvaters Augustinus, ein Hort grässlicher, schiffs- und menschenverschlingender Ungeheuer, ja des Teufels selbst.

Herder hingegen wird „das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke“ zu jenem Elementarerlebnis, das er zuvor, ein auf dem „Studierstul in einer dumpfen Kammer“ brütendes „Tintenfaß von gelehrter Schriftstellerei“, vergeblich in den Büchern gesucht hatte – das Meer nicht mehr ein bloßer und gefahrvoller Transportweg, sondern Medium der Erkenntnis, des Gedankenflugs, ein Reich der Ideen mit einer Körper wie Seele gleichermaßen befreienden Kraft: „Welch neue Denkart!“ – wenn auch „das Gouvernement“ des „kleinen Staates“ an Bord aufgrund der ständigen Gefährdung des Schiffes, so beobachtet Herder, durchaus „dem Despotismus nahe“ komme, weil sonst „das ganze Schiff verloren gehe“.

Dies Schiff aber sei nicht nur der Sitz eines „Monarchen“, des Kapitäns, sondern auch der des „Wunderbaren“ und der empfindungs- und seelenvollen „Dichtkunst“, in den von den „Schiffsleuten“ erzählten „abentheuerlichen Geschichten“ von „grossen Seehelden und Seeräubern“: „Mit welcher Andacht lassen sich auf dem Schiff Geschichten hören und erzälen?“- inmitten einer sinnenbefreienden, gewaltigen Natur.

„So ward ich Philosoph auf dem Schiffe“, notiert Herder euphorisch in sein ‚Reisejournal‘, im wahrsten Wortsinne ein Aufbruch zu neuen Ufern. Vom Meer „erweckt“ und „beflügelt“ sprudeln die Ideen, Pläne und Projekte, ekstatisch und unfertig niedergeschrieben, gleichwohl das Fundament all seines ferneren Leben und Wirkens und seines Hauptwerkes, den vierbändigen ‚Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit‘ – vom Länder und Völker verbindenden Meer zum universalen Zusammenhang und der Gleichwertigkeit aller Kulturen der Welt, der Entwicklung des Menschengeschlechtes hinauf zum höchsten Ziel allgemeiner Vernunft und Humanität, befördert durch eine neue, an den Realien orientierte schulische Bildung und einer Theologie, die mehr im Buche der Natur denn in den heiligen Schriften zu lesen habe.

Gleichsam befreit durch diese „andre Aussicht“, die ihm binnen sechs Wochen seiner Fahrt Meer, Schiff, Wind und Wolken gewähren, erwachsen dem Reisenden schließlich „politische Seeträume“, Verfassungskonzepte für den „Weg zur allmählichen Freiheit“ der europäischen Staaten und namentlich in seinem „Liefland“ nun „die Barbarei zu zerstören, die Unwißenheit auszurotten, die Cultur und Freiheit auszubreiten“ – und dies immerhin zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution. Teil eines meergeborenen Ideenstroms, der Herder an Bord davonreißt („Die Cultur der Erde! Aller Räume! Zeiten! Völker! Kräfte!“), ihn schließlich zu nicht weniger als einem der bedeutendsten Anreger der deutschen und europäischen Geistesgeschichte macht. Sein ‚Reisejournal‘ aber, so der Schriftsteller Arno Schmidt, zur „Magna Charta des ‚Sturm & Drang‘, jener literarischen Bewegung, die sich, gleichsam in Herders Kielwasser, auf die Fahnen geschrieben hatte, die pure Bücher- und Kathederweisheit mit der sinnlichen Wahrnehmung zu vertauschen und sich der Natur und dem ‚Leben‘, dem „Erweitern der Seelenkräfte“, den „lebendigen Kenntnissen“ und dem „Erhabenen“, wie es Herder nennt und auf dem Meere selbst erfahren hatte, hinzugeben – und das auch die frühen Gedichte und Dramen Johann Wolfgang Goethes nachhaltig inspirierte. Und dies ganz unabhängig davon, ob Goethe das ‚Reisejournal‘, das erst sieben Jahre nach Herders Tod, 1810, erstmals in Teilen veröffentlicht wird, zugänglich geworden war. Kannte er doch seinen Weimarer Nachbarn just so, wie dieser sich im ‚Reisejournal‘ selbst beschrieben hatte.

Herder hatte Goethe im Jahr nach seiner Seereise, 1770, erstmals in Straßburg getroffen und ihm dort die ‚lebendige Dichtung‘ von Homer, Ossian, Shakespeare und die Volksdichtung nahegebracht. Goethe wiederum bahnte ihm 1776 nicht nur den Weg nach Weimar auf den Posten des dortigen Generalsuperintendenten und Oberpastors an der Stadtkirche, er hat ihm in seinem Faust-Drama auch ein ganz eigenes Denkmal gesetzt. Denn in der Eingangsszene mit dem über den Büchern grübelnden und verzweifelnden Faust („Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“) fühlt man sich geradewegs an den Anfang des ‚Reisejournals‘ versetzt, den Herderschen Klagen über das mit nutzlosem Studium der Bücher versäumtem Leben und dem – faustischen – Aufbruch aus der Dumpfheit der Studierstube hinaus in die Welt, zu wahrer Empfindung, zu Unmittelbarkeit von Sprache und Dichtung und der Freiheit der Gedanken.

Und so ist auch Goethe durch diese von Herder aufgestoßene Tür hindurchgegangen, bis in das Spätwerk und den zweiten Teil seines ‚Faust‘ von 1832, als er Mephistopheles, nahezu mit Herders Worten aus dem ‚Reisejournal‘, sagen lässt: „Das freie Meer befreit den Geist.“ Und auch Heinrich Heine hatte schon 1826 im ‚Nordsee‘-Zyklus seiner ‚Reisebilder‘ bekundet, das Meer zu lieben „wie meine Seele“ und Georg Herwegh wird schließlich im Vormärz, in seinem Gedicht ‚Die deutsche Flotte‘ von 1841, ganz ins Politische gewendet, ausrufen: „Das Meer, das Meer macht frei!“ – lyrisches Vorspiel zur ersten deutschen Flotte von 1848 unter Contre-Admiral Carl Rudolph Brommy, womit wir dann auch schon wieder in Brake gelandet wären.

Den Ausgang aber nahm dies alles von Johann Gottfried Herder, der auf seiner „Reise im Jahr 1769“ zum „Philosoph auf dem Schiffe“ wurde.

Frank Ganseuer