Eine Bark lief ein in Le Haver,
Von Sidnee kommend, nachts elf Uhr drei.
Es roch nach Himbeeressig am Kai,
Und nach Hundekadaver.
Kuttel Daddeldu ging an Land.
Die Rü Albani war ihm bekannt.“

“Seegang” von Ringelnatz,
Ringelnatz-Museum, Cuxhaven

Es „trat ein Matrose aufs Podium, der sichtbar duhn war, ein kleiner Kerl mit einem vom Wind und Feuerwasser gegerbten Geiergesicht.“ So Bruno E. Werner in seinem Nachruf auf den Dichter, Maler und Kabarettisten Joachim Ringelnatz in der ‚Deutschen Allgemeinen Zeitung‘ vom 27. November 1934. Und tatsächlich war die Seemannskluft, in der dieser auf der Bühne zu erscheinen pflegte, um seine Verse vorzutragen, keineswegs bloße Kostümierung.

Jener Hans Gustav Bötticher, geboren am 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig, der sich seit 1919 Joachim Ringelnatz nannte, war tatsächlich zur See gefahren. Und nicht nur das. Seefahrt ist, personifiziert in der Figur des chaotisch-liebenswürdigen ‚Sailors‘ Kuttel Daddeldu, der just vor 100 Jahren, 1920, in Ringelnatz‘ Büchlein ‚Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid‘ das Licht der Welt erblickte, nicht weniger als das geheime Koordinatensystem der Ringelnatzschen Literatur wie seiner Malkunst, die vor allem auch mit maritimen Sujets (‚Auf dem Kohlendampfer‘, Seegang‘, ‚Nordsee‘) den Weg in die berühmtesten Galerien Berlins fand.

In Gedichten wie Ölbildern verarbeitet er zwischen Grimm und Melancholie die Erinnerungen an seine Fahrenszeit in der Handels- und Kriegsmarine, vom Schiffsjungen bis zum Kommandanten eines Hilfsminensuchers, von den Demütigungen des achtzehnjährigen ‚Moses‘ und den Schlägen des Bootsmanns, dann wieder „herrlichen Stunden“ mit dem „freien Blick über das weite Meer“, vom gemeinsamen Liedersingen in warmen südlichen Nächten an Oberdeck, von versunkenen Kirchtürmen (Bojen) bis zum „Wendekreis des Herings“ am Sternenzelt.

Der gleichermaßen harten wie abenteuerlichen Lebens- und Arbeitswelt der ‚Fahrensleute‘ hat er nicht nur in Büchern, Versen und Bildern, von der ersten Buchpublikation 1911, ‚Was ein Schiffsjungentagebuch erzählt‘ bis zum opulenten Erinnerungs- und Skizzenbuch ‚Matrosen‘ von 1928, ein Denkmal gesetzt und die längst untergegangene Zeit frachtfahrender Segelschiffe wieder zum Leben erweckt.

Schon als Kind hatte Hans davon geträumt, entweder Rennfahrer oder Krimineller zu werden. Nun eben Seemann, auch ein anti-bürgerlicher Protestberufswunsch, und erst recht, als ihm der Bruder seiner Mutter, der Onkel Martin Eberhart, selbst als Kapitän zur See gefahren, dringend davon abrät.

Im November 1901 ist es dann soweit, Hans wird Schiffsjunge auf der „kleinen, hölzernen Bark“ ELLI. Der Vater war zuvor mit ihm von Wurzen nach Hamburg gereist, um dort erst einmal vom ‚Heuerbas‘ für eine völlig überteuerte Erst-Ausstattung des Jungen über den Tisch gezogen zu werden. An Bord findet Hans dann in seinem Seesack 500 Mark, die ihm sein Vater noch unbemerkt als ‚Startgeld‘ für die seemännische Berufsausbildung zugesteckt hatte. Unter einem tyrannischen Kapitän „wurden wir Boys mit Tauenden und Fäusten, ja sogar mit Eisenstöcken geschlagen und mit Fußtritten traktiert.“ Die Reise mit der ELLI geht nach Westindien, wo er in Belize von Bord springt und dann „immer geradeaus läuft“ bis in den Regenwald. Als er wenig später versucht, auf einem mexikanischen Schiff anzuheuern, wird er geschnappt und landet wieder auf der ELLI. In Liverpool mustert er ab und fährt mit der LUTETIA wieder nach Hamburg, wo er sich in Malferteiners Schlangenbude am Dom verdingt – als einer von fünf in Matrosenuniform antretenden Schlangenschleppern, er der einzige echte Seemann in der Montur und zudem der kleinste, zuständig für „das Schwanzende“. Fragen des Publikums zur Riesenschlange werden zumeist beantwortet: „Wie lang ist sie? – 24 Fuß.“ – „Wie alt ist sie? – Über tausend Jahre.“ – „Kann sie stehen?“

Ende des Jahres mustert er in Bremen wieder an, auf dem Frachtdampfer FLORIDA, Fahrenszeit machen für das Steuermannsexamen. In England werden Kohlen für Venedig geladen, von dort ins Schwarze Meer und zurück nach Hamburg. Gleich weiter auf dem russischen Gaffelschoner EMMA an die Ostküste Englands. In Hull landet er im Seemannsheim, dessen Bewirtschaftung er alsbald übernimmt und versehentlich eine Katze, die es sich in der Ofenröhre bequem gemacht hatte, darin „fürchterlich gebacken“ ums Leben bringt. Nur kurz bleibt er auf dem Dampfer RAMSES und heuert im Oktober 1902 als Leichtmatrose auf der COLUMBIA, dem damals größten Passagierdampfer der HAPAG, an, Kurs New York. Ein Jahr darauf geht es mit dem HAPAG-Dampfer NUMIDIA nach Südamerika, mit der DORTMUND dann nach Narvik. Im Juli 1903 wird er schließlich wegen ‚mangelnder Sehschärfe‘ aus dem Schiffs-Verkehr gezogen, geht aber im Herbst des Jahres wieder zur See – mit einem Trick: als ‚überzähliger Matrose‘ ohne Heuer, auf der VILLA REAL der Oldenburg-Portugiesischen Dampfschiffs-Rhederei nach Lissabon und Porto. Auf der Rückreise im Englischen Kanal noch mal ein „tüchtiger Sturm“, am 24. November wird endgültig abgemustert. Dann ist Ende mit der ‚freien Fahrt‘, die oft so frei nicht war, aber sein ganzes weiteres Leben und Werk bestimmen wird. Im Januar geht es zur Marine, als Einjährig-Freiwilliger in Kiel auf den Kleinen Kreuzer SMS NYMPHE und das Artillerie-Schulschiff SMS CAROLA. Punkt ein Jahr später wird er im Dienstgrad Bootsmannsmaat entlassen.

Verseschmied von Kindesbeinen an, avanciert er 1909, gegen freie Kost und Logis, zum ‚Hausdichter’ im Münchner Kabarett ‚Simplicissimus’. Der von ihm nebenher geführte Tabakladen mit einem Skelett im Schaufenster geht nach wenigen Monaten ein. 1910 erscheint sein erster Gedichtband, 1911 dann das ‚Schiffsjungentagebuch‘ von der ELLI.

Mit Kriegsbeginn 1914 meldet er sich wieder zur Kaiserlichen Marine, bis er schließlich als Kommandant des Hilfs-Minensuchers und requirierten Hafenschleppers FAIRPLAY VI im sogenannten ‚Filzlausgeschwader’ in Cuxhaven das Kriegsende erlebt, ohne Fronteinsatz und Feindberührung und schon gar nicht, wie er in seiner Kriegsautobiografie ‚Als Mariner im Krieg’ von 1928 bitter beklagt, in der von ihm ersehnten Seeschlacht.

Nun wohnt er wieder in München, mit Leonharda Pieper, seiner Ehefrau, die er ‚Muschelkalk’ nennt, und entert erneut, vornehmlich im Berlin der ‚Goldenen Zwanziger’, die Kabarettbühnen. Nun unter dem Pseudonym Joachim Ringelnatz, in der Matrosenuniform seines Alter Egos ‚Kuttel Daddeldu’, dem nicht immer nüchternen, aber stets selbstbewussten und in vielerlei Hinsicht ‚schrägen’ Seemann, dem Zerstörer gutbürgerlichen Denkens und Mobiliars, dessen Abenteuer er fortan als unentbehrlichen Teil seines Programms in Berlin und später, mit dem Flugzeug von Tempelhof aus unterwegs, auch deutschlandweit zum Vortrag bringt, das Weinglas stets in Reichweite.

Und seine alte Schiffsuhr aus vergangenen Seefahrerzeiten ist 1930 auch mit dabei, als er mit ‚Muschelkalk‘ von München nach Berlin umzieht:

„Nachts, wenn ich still vor ihr hocke,
Dann höre ich mehr als Ticktack.
Dann klingt was wie Nebelglocke
Und ferner Hundswachenschnack.“

Und manche Zeit versäumte
Ich vor der spukenden, unkenden Uhr,
Indem ich davon träume,
Wie ich mit ihr nach Westindien fuhr.“

In Berlin hat er die letzten vier Jahre seines Lebens verbracht, mit Triumphen und Tourneen, dann mit Auftrittsverbot ab 1933 und dem Tod an Tuberkulose in völliger Verarmung. Hier wurde er, auf dem Waldfriedhof Heerstraße, bei dichtem Nebel und dem Dröhnen der nahen Baustelle des Olympiastadions, am 17. November 1934 beigesetzt, begleitet nur von einer kleinen Trauerschar, unter ihnen die Schauspieler Asta Nielsen, Paul Wegener und sein Verleger Ernst Rowohlt.

Gewünscht hatte er sich, und da war er doch wieder Schiffsjunge, Leichtmatrose, Leutnant und Kuttel Daddeldu, der Sarg bedeckt mit der Flagge seines Minensuchers, dass man noch einmal sein Lieblingslied spiele. Und so intonierte die Orgel in der kleinen Friedhofskapelle ‚La Paloma‘, als er seine letzte Fahrt antrat. Und dort, am Friedhof an der Heerstraße in Berlin, ruht er immer noch, unter einer Grabplatte aus Muschelkalk, in illustrer und ihm sicher angenehmer Gesellschaft, der von Wolfgang Gruner, Grethe Weiser, Ulrich Roski, Klaus-Jürgen Wussow und von Loriot, die gleichsam um ihn herum begraben sind. Seine letzte Ruhestätte ist nun ein Ehrengrab des Landes Berlin, von Besuchern stets geschmückt mit Steinen, Zetteln und kleinen Figuren – und zuweilen auch mit einem Fläschchen Schnaps.

Frank Ganseuer