Ein Blick auf die Kaje in Brake um 1850.

Das Wort „Koller“ oder auch „Lagerkoller“ lasse sich, so führte der bekannte Journalist Friedrich Küppersbusch aus aktuellem Anlass unlängst in seiner morgendlichen Kolumne bei Bremen Zwei aus, auf das griechische Wort „chole‘“, Zorn, Wut, zurückführen, das bereits sehr früh auch in der deutschen Sprache auftauche. Der Choleriker wurde seit der Antike in der Lehre der „Humoralpathologie“ durch ein Ungleichgewicht der körpereigenen Säfte charakterisiert, in der die „gelbe Galle“ überwiegt. So lasse sich, laut Küppersbusch, der Begriff „Koller“ auch in Zusammenhang mit der Krankheit Cholera bringen, der „Gallenbrechruhr“, wie sie ursprünglich genannt wurde.

Um 1830 aus Indien eingeschleppt, wurde die Cholera zu eine der großen und gefürchteten Plagen Europas. Hervorgerufen durch verkeimtes Trinkwasser und beflügelt durch beengte Lebens- und Wohnverhältnisse sowie unzureichende Hygiene, trat „Vibrio cholerae“, so der Name des verursachenden Bakteriums, seinen verheerenden Siegeszug an.

Die erste Cholerapandemie, die in den Jahren 1817 bis 1824 auftrat, betraf zunächst Asien, Kleinasien, Ostafrika und Russland. Ab 1831 hielt sie Einzug auf dem europäischen Kontinent, wo es in der Folge regelmäßig zu Epidemien kam. Zu den bekannten Opfern zählten übrigens vermutlich auch der deutsche Philosoph Friedrich Hegel (1770-1831), den es in Berlin erwischte sowie der preußische Generalfeldmarschall August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831), den es in Posen traf. Zuvor hatte er sich in einem Brief geäußert: „Ich meinerseits halte die Cholera weder für so ansteckend noch für so gefährlich.“

Auch die Wesermarsch war mehrfach betroffen. Andreas Jacob Fischer (1789-1860), Apotheker in Ovelgönne, gab bereits 1831 eine erste Abhandlung mit dem Titel „Die Cholera aus dem Gesichtspuncte der Chemie“ heraus. In der Folge kam es immer wieder zu neuen Ausbrüchen. 1848/49 im September war Brake bereits Werft- und Liegehafen der ersten gesamtdeutschen Marine geworden, als die Seuche aufflammte. Kurzerhand wurden die Erkrankten im Telegraphen untergebracht. Ein Jahr später, im November 1850, richtete man ein Marinehospital am neu erbauten Trockendock auf dem Klippkanner Groden ein. Auch 1853, im Herbst 1857 und erneut im August/September 1859 brach die Cholera wieder aus, erneut mussten für die Betroffenen Notunterbringungen provisorisch geschaffen werden, denn ein Krankenhaus gab es noch nicht, ein städtisches Hospital wurde erst 1884 eröffnet.

In den von der Stadt Brake 1859 veröffentlichten „Polizeilichen Vorschriften“ heißt es: „Es wird hiedurch angeordnet, daß während der Dauer der Cholera-Krankheit hieselbst

  1. in Wohnungen, wo an derselben Erkrankte genesen oder gestorben sind, nach Anordnung des Artzes mit Chlorgas geräuchert, die Wände (besonders in den Alkoven) mit Chlorkalk übergewißt und die Möbeln u.s.w. gewaschen werden müssen;
  2. daß das Bettstroh, worauf Kranke gelegen haben, sofort nach der Genesung oder dem Absterben zu verbrennen oder zu vergraben ist, und sind überhaupt die Ausleerungen der Kranken baldthunlichst fortzuschaffen.
    Alles dieses zur Vermeidung einer Geldstrafe bis zu 10 Thlrn. oder verhältnißmäßiger Gefängnisstrafe.
    Bei gleicher Strafe wird verboten:
  3. die Leichen an der Cholera Gestorbener zu entkleiden und zu waschen, vielmehr sind dieselben baldmöglichst in die Särge zu legen und zu beerdigen,
  4. zu den Beerdigungen Gäste zu laden oder die Träger in den Sterbehäusern zu bewirthen.“

Die Verordnung vermittelt zugleich einen interessanten Einblick in damaligen Lebens- und Wohnverhältnisse. Ihren vorläufigen Schlusspunkt setzte die gefürchtete Infektionskrankheit übrigens 1892 in Hamburg. Dort fielen ihr innerhalb von wenigen Wochen im Spätsommer über 10.000 Menschen zum Opfer.

Die Zahl der Toten in der Wesermarsch hielt sich bei den obgenannten Verläufen in überschaubaren Grenzen. Wer sich aus aktuellem Anlass in den sozialen Netzwerken umsieht, stellt fest, dass dem Alkohol eine wichtige Rolle bei der täglichen Hygiene, auch zur inneren Anwendung empfohlen, zugesprochen wird. Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, mag jedoch auf die Verhältnisse in der Wesermarsch während des 19. Jahrunderts nicht ganz unzutreffend gewesen sein. Schon Hermann Allmers beschreibt in seinem 1857 verfassten „Marschenbuch“ die schlechte Trinkwasserqualität in den Marschregionen, die dazu führte, dass „die verheerenden Sumpf- und Gallenfieber, die herbeigeführt durch Genuß und Ausdünstung des stagnierenden Wassers, wahrhaft pestartig wüthen“.

Der Seeoffzier und spätere Schriftsteller Julius Paul Wilcken (1823-1863) schildert in seinen 1861 erschienenen „Bildern aus dem deutschen Flottenleben 1849“, die Verhältnisse wie folgt: “Recht schlimm war es auf unseren Schiffen mit dem Trinkwasser bestellt. Dies ist schon in Brake und dann die ganze tiefliegende Nordseeküste entlang, welche ja bekanntlich fast durchgängig nur durch häuserhohe Deiche vor dem Einbrechen des Meeres geschützt wird, ungemein schlecht und erzeugt schon bei mäßigem Genusse sehr leicht kalte und Wechsel-Fieber.“

Einige, so Wilcke, filterten das Wasser, dies jedoch sei ein recht komplizierter und langwieriger Prozess. Daher greife man (und frau) in der Regel zu eher hochprozentigen Lösungen des Problems: “Lieber unterläßt man das Wassertrinken soviel als irgend möglich ganz und es ist eine Thatsache, daß sich die Bewohner dieser Küstenstriche weit größerer Quantitäten starker Weine und anderer Spirituosen ohne Nachtheil für ihre Gesundheit bedienen können, als andere Leute im Binnenlande.“

Wir wünschen ein schönes Wochenende!